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Margit Kruse

Mein kleines Badezimmer

 

Gelsenkirchen, Ruhrgebiet, Nordrhein-Westfalen; 1965;

Unvergessene Weihnachten. Band 2

1965 war ich acht Jahre alt. Noch nie hatte ich mich so sehr auf ein Weihnachtsgeschenk gefreut wie in diesem Jahr. Natürlich würde ich auch das gute Essen und die vielen Süßigkeiten genießen. Süßes gab es damals nicht, wie heute, alle Tage. Süßigkeiten waren teuer und wurden daher rationiert. Einmal in der Woche, wenn wir zum Großeinkauf fuhren, erstanden wir neben den notwendigen Lebensmitteln auch zwei Tafeln Schokolade – aufgeteilt auf vier Personen für jeden eine halbe Tafel.

Nur zu Weihnachten war das anders. Da gab es einen bunten Teller von meinen Eltern, noch einen von meiner großen Oma, die ein paar Häuser weiter wohnte, und auch meine kleine Oma schenkte eine Tüte, die allerdings etwas bescheidener ausfiel, weil Großmutter nur eine geringe Witwenrente bezog. Die größte Tüte jedoch, voll gefüllt mit den herrlichsten Köstlichkeiten, erhielt ich von meiner Tante. Alles Markenartikel, nicht nur die billige Schokolade, die im Hals so entsetzlich brannte, die ich aber trotzdem aß, weil ich gierig nach Süßem war. Ich glaube, ein Teil davon stammte noch aus den Nikolausstiefeln ihrer Kinder, die es einfach nicht geschafft hatten, das alles bis zum Fest zu vertilgen.

Das Geld saß damals nicht so locker, obwohl es uns schon besser als manchen anderen Familien ging. Mein Vater war Schießmeister auf der Zeche Bismarck. Er arbeitete Wechselschicht unter Tage vor Kohle, was harte Knochenarbeit, viele Überstunden und manche Doppelschicht bedeutete. Wir wohnten in einer Zechensiedlung mitten im Ruhrgebiet in einer Drei-Zimmer-Wohnung ohne Bad und ohne moderne Heizung. Einmal in der Woche badeten wir im Keller, wo ein großer Badeofen stand. Trotz der bescheidenen Wohnverhältnisse war ich glücklich und zufrieden, denn die Siedlung war für uns Kinder ein Paradies zum Spielen. Und da die Miete günstig war, konnte sich mein Vater ein Auto leisten. So fuhren wir eines von zwei Autos in der gesamten Siedlung.

Dennoch, in Duisburg waren die ersten Zechen geschlossen worden. Die Zeche Auguste Viktoria in Marl, einem Nachbarort von uns, war ebenfalls schon zu und die Stillegung der Zeche Dahlbusch beschlossene Sache. Rückläufige Tendenzen auch bei Eisen und Stahl, in einigen Bereichen gab es bereits Kurzarbeit.

Ein paar Wochen vor Weihnachten wurde mir ein Zahn plombiert, ohne Betäubung und ohne Wasserbohrer, mit diesem schrecklichen Foltergerät, des­sen Motor man bis ins Wartezimmer hörte und das die Patienten schon vorher in Angst und Schrecken versetzte. Wenn es sehr weh tun würde, solle ich den rechten Arm heben, sagte der Doktor zu mir. Es tat fürchterlich weh, und ich hob auch den Arm, ganz lange streckte ich ihn, doch der alte, brutale Zahnarzt grinste mich mit seinen schiefen, gelben Zähnen nur an und bohrte weiter.

Weil ich so tapfer gewesen war, ging meine Mutter hinterher mit mir ins Althoff-Warenhaus gegenüber, wo ich mir so gern die Spielwarenabteilung ansah. An diesem Tag gab es neben der neuen Märklin 3029-Eisenbahn etwas ganz Besonderes, Supermodernes, das sofort mein Herz höher schlagen ließ: ein Badezimmer für Puppen, ungefähr 40 cm hoch und 60 cm breit, vergleichbar mit einem Kaufladen oder einer kleinen Anbauküche. Es hatte eine rosafarbene Badewanne mit einer Duschvorrichtung, ein Waschbecken und eine Toilette mit hochklappbarem WC-Sitz. An der Rückwand aus Blech waren Fliesen aufgemalt. Es gab ein Fenster mit Blumen und eine putzende Mutti. Doch das Allerbeste an dem Badezimmer war, daß es richtig funktionierte. Wenn man den kleinen Schalter an der Badewanne betätigte, kam Wasser aus der Brause. Auch das Waschbecken konnte man per Knopfdruck mit Wasser füllen. An der Rückseite war ein Tank angebracht, und der Mechanismus wurde mittels Batterien betrieben. Eine absolute Neuheit, dieses Badezimmer. Wie gut könnte ich darin meine kleine Renate, die schwarze Negerpuppe, baden. Immer wieder drängte ich mich zwischen den anderen Kindern, die alle begeistert die Vorführung verfolgten, nach vorne. Im Bus, der uns zurück in unsere Siedlung brachte, träumte ich nur von dem wunderschönen Puppenbad. Es kostete 30 Mark, für die damalige Zeit schon sehr viel Geld. Ob ich es zu Weihnachten bekommen würde?

Meine Mutter zuckte nur mit den Schultern. Vielleicht würden meine Omas etwas Geld beisteuern. Zu Hause suchte ich als erstes nach dem Neckermann-Katalog und entdeckte tatsächlich auf den Seiten mit den Spielwaren solch ein Badezimmer wie im Kaufhaus. Meine Zahnschmerzen waren vergessen. Fortan griff ich fast täglich nach dem Katalog, las immer wieder die Badezimmer-Beschreibung und strich mit der Hand fast zärtlich über die Abbildung.

Wo würde ich das Puppenbad hinstellen?

Sicher zu meinen anderen Spielsachen hinter dem Kleiderschrank im abgeteilten Schlafzimmer, dort, wo auch meine Schlafcouch stand. Mein älterer Bruder schlief im Wohnzimmer auf dem ausklappbaren Sofa. Die Abende verbrachten meine Eltern in der Wohnküche, denn das Wohnzimmer wurde aus Kostengründen nur benutzt, wenn Besuch kam. Ein eigenes Zimmer vermißte ich nicht, die meisten Kinder in der Siedlung hatten keines. Aber wo würde ich mit dem Puppenbad spielen?

Auf dem großen Küchentisch, den ich nur benutzen konnte, wenn keine Essenszeit war, und den ich blitzschnell abräumen mußte, wenn mein Vater Hunger hatte? Oder auf dem kleinen Tisch in der Ecke? Durfte ich dort überhaupt mit Wasser hantieren? Und wie lange würden eigentlich die Batterien halten und was kostete wohl neue?

Eine Menge Fragen, die mir durch den Kopf gingen. Leider durfte ich noch nicht allein in die Stadt fahren, um mich im Kaufhaus selbst zu erkundigen.

Inzwischen hatten wir den ersten Advent. In der Schule – ich ging in die dritte Klasse –, zündeten wir jeden Morgen für eine halbe Stunde Kerzen an und sangen Weihnachtslieder. Doch in Gedanken war ich nur bei dem in Aussicht stehenden Weihnachtsgeschenk. Immer, wenn ich das Thema ansprach, lächelte meine Mutter, woraus ich entnahm, daß mein innigster Wunsch wohl in Erfüllung gehen würde. Vielleicht stand es schon im Keller?

Endlich war Heiligabend gekommen. Morgens stand ich schon ganz früh auf, weil ich vor Aufregung nicht mehr schlafen konnte, auch, weil mein Vater wieder so furchtbar geschnarcht hatte. Bis zur Bescherung waren es noch Stunden. Damals gab es im Fernsehen noch keine Sendungen wie „Wir warten aufs Christ­kind“. Auf ARD lief ab mittags irgendein langweiliger Film, und das ZDF empfingen wir nur ganz verschneit. Auf meinen Wunsch hin fuhren wir heute nicht zu Onkel und Tante, sondern blieben zur Bescherung zu Hause. Nicht, daß es mir bei ihnen nicht gefiel. Es war dort immer sehr schön, bei 20 Personen, die meistens zusammenkamen, war stets für Unterhaltung gesorgt. Die Christbaumkugeln und das Geschirr waren auch drei Nummern besser als bei uns, und die Geschenke fielen reichlicher aus. Als Selbständiger hatte mein Onkel ein höheres Einkommen als mein Vater. Trotzdem, dieses Jahr wollte ich Heiligabend im kleinen Familienkreis verbringen, um in Ruhe mit meinen Geschenken spielen zu können.

Da mein Vater also nicht zu seinem Bruder fuhr, sollte meine Oma Heiligabend mit uns feiern, denn allein, ohne Auto, kam sie nicht dorthin. Wie gewöhnlich, erschien Oma eine Stunde früher als ausgemacht, also bereits um 14 Uhr. Die liebe Schwiegermutter! Meine Mutter verdrehte die Augen, denn sie war mit ihren Vorbereitungen längst noch nicht fertig.  Mein Vater lag im Fernsehsessel, er mußte entspannen, und mein Bruder verschwand grinsend.

Wie jedes Jahr sollte ich mit Oma den Familiengottesdienst besuchen, der um 16 Uhr begann. Die gemütliche, wohlig-warme Wohnung zu verlassen und hinaus in die Kälte zu gehen, um dann in einer total überfüllten Kirche den Nachmittag zu verbringen, hatte ich wenig Lust. Nicht, daß ich ungern in die Kirche ging, aber alle anderen Kinder kamen in Begleitung ihrer Eltern und Geschwister, nur ich mit Oma.

Bis dahin war noch etwas Zeit. Auf einmal verzog sich die Familie, einschließlich Oma, ins Wohnzimmer und verschloß von innen die Tür. Angeblich sei noch etwas fürs Christkind vorzubereiten. Ja, dachten die anderen denn, ich sei blöd und glaube noch ans Christkind?

Ich lugte durch das große Schlüsselloch der Wohnzimmertür, aber außer dem brei­ten Hinterteil meiner Oma, das in einem dunkelbrauen, unmöglich gemusterten Jersey-Kleid steckte, war nichts zu sehen. Das Geräusch jedoch, das ich jetzt vernahm, kam mir sehr bekannt vor. Sicherlich betätigten sie gerade die Dusche meines Puppenbades. Oh, wie gemein! Es schien ihnen großen Spaß zu machen, denn sie lachten dabei.

Plötzlich war drinnen alles still geworden. Kein Wasserrauschen, kein Lachen und Tuscheln mehr. Wahrscheinlich hatten sie ein schlechtes Gewissen bekommen, mit meinem Badezimmer zu spielen, dachte ich. Die Tür wurde wieder aufgeschlossen und sie verließen schweigend das Wohnzimmer. Dann war es auch schon Zeit, zur Kirche zu gehen.

Den Gottesdienst konnte ich vor Aufregung nicht so recht verfolgen. Nachdem Oma und ich durchgefroren wieder zu Hause angelangt waren – es hatte zu schneien begonnen –, wurde zuerst in der großen, warmen Wohnküche gegessen. Es gab, wie kann es in einer Familie ostpreußischer Abstammung anders sein, Kartoffelsalat mit Matjeshering und dazu Würst­chen. Mein Vater hatte eine Bowle gemacht, aber Stimmung wollte nicht aufkommen, immer noch herrschte betretenes Schweigen. Ich schaffte statt drei Bockwürsten dieses Mal nur zwei und auch nur eine Portion von dem guten Kartoffelsalat, so nervös war ich.

Dann endlich war es soweit, wir schritten ins Wohnzimmer zur Bescherung. Während mein Vater die Wachskerzen an unserer mit weißen Kugeln und Ziervögeln geschmückten Fichte anzündete, fiel mein Blick sofort auf das heißersehnte Geschenk: Auf einem kleinen Tisch direkt vor dem Tannenbaum stand mein Badezimmer und sah noch schöner als im Warenhaus aus. Wie war ich glücklich!

So etwas Wunderbares hatte ich noch nie geschenkt bekommen. Gut, die Puppenstube von meiner Mutter, die mit neuen Möbeln bestückt worden war, liebte ich auch, aber dieses Badezimmerchen war schon etwas ganz Besonderes, Modernes. Ich konnte mich daran nicht sattsehen. Aufgeregt schaute ich hinten im Tank nach, ob er noch genug Wasser enthielt, und betätigte dann erwartungsvoll den Schalter an der kleinen Wanne. Totenstille im Raum. Kein Wasser, das aus dem Duschkopf in die kleine Wanne sprudelte, nichts dergleichen geschah!

Fragend blickte ich meine Mutter an, dann meinen Vater. Mein Bruder grinste blöd, und meine Oma sah betreten zum Boden. Meine Eltern zuckten nur mit den Schultern und meinten schließlich zögernd, es sei wohl kaputt, das Bad.

Das darf doch nicht wahr sein! Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Da hatten sie eine Ewigkeit daran herumgespielt, und am Ende war mein Badezimmer kaputt!

Nein, die Batterien seien nicht leer, erklärte mein Vater, nachdem ich mich an dem Batteriefach zu schaffen gemacht hatte. Ich heulte vor Enttäuschung los und beschimpfte alle, sie hätten mein Geschenk kaputtgemacht, woraufhin meine Mutter versprach, daß wir gleich nach Weihnachten zu „Althoff“ fahren würden, um das Bad reparieren zu lassen oder umzutauschen. Hoffnung keimte in mir auf, und ich spielte trotzdem damit. Es war so, als ob in unserer Wohnung das Wasser abgesperrt war und wir zur Pumpe laufen mußten. Ich holte mir in einem Töpfchen Wasser und füllte damit die Badewanne. Auch die anderen Geschenke, Strümpfe und ein Pullover, konnten mich nicht über das defekte Badezimmer hinwegtrösten. Einzig der bunte Teller schaffte es, mich etwas zu beruhigen. Im weiteren gaben sich alle bedrückt, kaum einer redete, alle schauten auf den Fernseher. Bei Onkel und Tante wäre wenigstens Stimmung gewesen.

Am zweiten Feiertag besuchten wir sie. Ich bekam ein weißes Puppenhimmelbett mit einer kleinen Puppe und zwei tolle Bücher geschenkt. Und natürlich die obligatorische riesige Freßtüte, die ich stolz nach Hause trug und über die ich mich noch in der gleichen Nacht hermachte. Bei Onkel und Tante erwartete mich aber noch eine andere Überraschung: Im ZDF, das sie empfangen konnten, lief an diesem Nachmittag ein „Sissi“-Film. Ich war hin und weg, wie gebannt starrte ich auf den Bildschirm. Diese prächtigen Hofbälle! Sofort verliebte ich mich unsterblich in Kaiser Franz. Und wie süß Sissi aussah! Unglaublich, mit 16 schon Kaiserin von Österreich! Für kurze Zeit vergaß ich sogar meinen Kummer wegen des defekten Puppenbades.

Gleich nach Weihnachten verfrachtete mein Vater das Ba­dezimmerchen auf den Rücksitz seines VW-Käfers, und meine Eltern fuhren damit zum Kaufhaus, während ich daheim gespannt auf mein neues Puppenbad wartete. Doch daraus wurde leider nichts. Meine Eltern kamen unverrichteter Dinge zurück. Es habe kein anderes Badezimmer mehr gegeben, und sie würden auch keines mehr reinbekommen. Mein Bad werde zwecks Reparatur eingeschickt werden.

Nach gut einer Woche erhielten wir vom Warenhaus eine Postkarte: Der Artikel sei nicht zu reparieren, meine Eltern sollten sich das Geld auszahlen lassen.

Aus der Traum vom Badezimmer! Nicht ein einziges Mal hatte ich Renate darin baden können, meine eigene Familie hatte es aus Übermut kaputtgemacht. Wie ich später erfuhr, war mein Bruder am besagten Heiligabend auf die Idee gekommen, mein Badezimmer auszuprobieren.