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Helga Lemmrich

Die Puppenküche

Berlin-Charlottenburg; 1939

"Unvergessen Weihnachten. Band 8"

Keine Zeit berührt das menschliche Gemüt so tief wie die

Weihnachtszeit. Seit Jahrhunderten bedeutet sie für die

Menschen des christlichen Kulturkreises Erwartung und

Freude. Erst in viel jüngerer Zeit verspricht man sich auch

die Erfüllung materieller Wünsche. Mit Schaffensfreude, in

froher Hoffnung, ungeduldiger Erwartung oder melancholi-

scher Stimmung beim Gedanken an längst vergangene Weih-

nachtsfeste vergehen meist die Tage vor dem Fest. Leider

oft nur für kurze Augenblicke feiert dabei auch die Dank-

barkeit ihre Auferstehung.

In meiner Kinderzeit war der Höhepunkt meiner Vorfreu-

de erreicht, wenn sich der Duft der gebackenen Christstollen,

der Lebkuchen und der Bratäpfel in der Ofenröhre mit dem

Duft der grünen Tannennadeln mischte. Der Weihnachtsbaum

verzauberte den Raum mit seinem Atem. Wie dieser nun hei-

matlos gewordene Waldbewohner zu uns kam, weiß ich nicht

mehr. Holten ihn meine Eltern oder wurde er geliefert?

Ich erinnere mich noch gut daran, daß wir vorher suchend

zwischen vielen aufgestellten kleinen und großen Tannen-

bäumen herumgelaufen sind. Bei uns angekommen, erfüll-

te sich dann die Bestimmung seines Lebens. Aufgenommen

wie ein Freund durfte er wunderschön geschmückt und be-

staunt viele Tage mit uns verbringen. Er stand so lange in

unserem Wohnzimmer, bis am Boden bald mehr Tannen-

nadeln lagen, als oben an den müden Zweigen hingen. Wa-

rum so lange?Weil er zu etwas Besonderem geworden war. Aufgestellt

in einer Vorrichtung, die mein Vater konstruiert hatte, drehte

er sich mitsamt einer kleinen Metallplatte, von der die schön-

sten Weihnachtslieder erklangen. Von diesen Platten besa-

ßen wir mehrere, so daß wir die Melodien auswechseln konn-

ten. Eine seitlich angebrachte Kurbel setzte nach einigen

Umdrehungen das faszinierende Schauspiel in Gang. Es war

eine Pracht, wenn sich der herrlich geschmückte Baum, er-

hellt von den vielen brennenden weißen Kerzen, langsam zu

den weihnachtlichen Klängen drehte.

Doch noch war es nicht soweit. Der bis an die Decke rei-

chende Baum war sehr groß, und mein Vater mußte zunächst

die Löcher für die unterschiedlich langen Kerzenhalter in den

Stamm bohren. Danach erst wurde er an seinen Platz gestellt.

Jedes Jahr wieder stand er zwischen den zwei hohen Fenstern.

Hinter den frischgewaschenen zarten weißen Gardinen sah

man unseren Baum von draußen festlich blitzen.

Nun wurde vom Hängeboden der große Karton herunter-

geholt, in dem die silbernen Kugeln, Glöckchen und Vögel-

chen, die kleinen gläsernen Engel und, als Krönung, die glän-

zende Spitze lagen. Dann begann das Schmücken. Auch ich

hatte versucht zu helfen. Als aber die Kugeln anstatt den Baum

zu zieren, zersplittert als glänzendes Mosaik am Fußboden

lagen, gab ich es auf und verhedderte dafür die Silberfäden.

Nachdem meine Mutter wieder etwas Ordnung geschafft hat-

te, nahte der große Augenblick, auf den ich schon so sehn-

süchtig wartete: Mein Kindertisch, auf dem ich sonst Verkau-

fen spielte, mit den kleinen Rollen meines Rechenständers

„Schreibmaschine“ schrieb, in der Kinderpost eifrig Briefe

stempelte oder meine Puppen fütterte, wurde neu zurechtge-

rückt. Und dann kam sie nach fast einem Jahr vom Hängebo-

den endlich wieder zu mir, meine heißgeliebte Puppenküche!

Gut verpackt, wie sie war, sollte sie nun von der Hülle be-

freit werden, die sie noch verbarg. Aufgeregt zappelte ich

Siebenjährige zwischen den Erwachsenen herum. So unge-

duldig war ich in meiner Erwartung, daß ich versuchte, eine

Stelle zum Aufreißen zu finden, womit ich den Vorgang eher

verzögerte, anstatt ihn zu beschleunigen. Schließlich war

aber auch das geschafft, und ich konnte sie wiedersehen! Hier,

auf meinem Kindertisch, stand sie vor mir!

Meine Puppenküche war so groß, daß die Tischplatte fast

von ihr bedeckt wurde, und sie war wunderschön. Mein Va-

ter hatte die Puppenküche für mich gebaut. War das damals

ein Jahr her, oder vielleicht schon zwei?

Ich weiß es nicht mehr. Auf jeden Fall war es ein Weih-

nachtsgeschenk gewesen, und weil ich im Sommer lieber

draußen im Park spielte und sie viel Platz einnahm, stand

sie in der Zwischenzeit auf dem Hängeboden, um dann zu

Weihnachten wieder zu vollem Recht zu kommen.

Voller Eifer öffnete ich die große Schachtel, die in ihrer

Mitte stand, und packte die kleinen Puppenmöbel aus. Auf

den wie Parkett aussehenden Bodenbelag stellte ich den Herd,

den Küchenschrank, den Tisch und dazu die Stühlchen. Das

dreiteilige Schiebefenster wurde auch gleich ausprobiert.

Zwischen die weißen, seitlich gerafften Gardinen stellte ich

das winzige Blumentöpfchen. Manches hatte ich vergessen

und entdeckte es nun neu, während ich alles glücklich aus-

packte und an seinen Platz stellte: das niedliche Geschirr,

den Teekessel, die Töpfchen und Pfannen, auch Eimerchen,

Besen, Handfeger und Müllschippe; die für die Einrichtung

etwas zu groß ausgefallene Kaffeemühle und das silberfar-

bene Besteck. Sogar eine echte kleine Petroleumlampe war

dabei. In einem roten Töpfchen steckte ein Weihnachtsbäum-

chen mit angeklebten Lichtern. Meine Begeisterung kannte

keine Grenzen. Was hatte ich alles zu bestaunen!

Abwechselnd lief ich zu meiner Großmutter und zu den

Eltern, um ihnen das Wiedergefundene zu zeigen. 

Endlich saßen dann auch die Babypüppchen auf ihren

Stühlen am Tisch zwischen den weißblau karierten Wänden.

An einer war ein Handtuchhalter angebracht, an dem ein

bestickter Vorhang hing. In einem hellen Korbwagen mit

roten Räderchen lag ein winziges Babypüppchen. Nachdem

ich den kleinen Weihnachtsbaum auf den Tisch gestellt hat-

te, lief ich um die Puppenküche herum, um von außen durch

das Fenster mein kleines Reich zu betrachten. Wie schön sah

doch alles aus!Ich war unendlich glücklich und dankbar, etwas so Wun-

derschönes zu besitzen. Mein Mund stand sicher keinen Au-

genblick still. Wohin auch mit all der Freude! An diesem

Abend schlief ich lange nicht ein.Hatte ich überhaupt noch andere Weihnachtswünsche, so

glücklich wie ich schon über die Puppenküche war?

Natürlich war auch in diesem Jahr ein Wunschzettel von

mir ausgefüllt worden und ich hoffte sehr, daß am Heiligen

Abend vieles davon in Erfüllung gehen möge. Denn ich glaub-

te zu der Zeit immer noch an den Weihnachtsmann. Aber

was es auch gewesen sein mag, meine Erinnerung bewahrt

allein meine wunderbare Puppenküche mit all ihren Minia-

tur-Möbeln und Küchenutensilien. Sie war für mich ein ein-

ziger wahrgewordener Weihnachtstraum. Dabei war meine

Puppenküche im Vergleich zu jenem großen, komfortablen

Puppenhaus, mit dem ich Jahre später bei einer meiner

Freundinnen mit Begeisterung spielte, sehr einfach; ganz zu

schweigen von der Puppenvilla mit mehreren Zimmern und

elektrischer Beleuchtung, die mein Mann später für unsere

kleine Tochter baute. Aber diese Vergleiche konnte ich erst

später ziehen, und so war jene Puppenküche der frühen Kind-

heit ein stets wiederkehrender Quell meiner jubelnden Freude und Dankbarkeit – alle Jahre wieder.

 

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